Carolin Pomränke

Wie wird man eigentlich…Doula?

Sie sind quasi Freundinnen auf Zeit: Doulas begleiten werdende Eltern emotional und mental durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Als wichtige Vertrauensperson übernehmen sie zwar keine medizinischen Aufgaben, doch stehen sie Müttern zur Seite, wenn diese mit Fragen, Entscheidungen und Ängsten konfrontiert sind. Wie unglaublich wertvoll dieser unbekannte Beruf sein kann, weiß Carolin Pomränke, die Anfang des Jahres ihre ganzheitliche Praxis „Gefährtinnen-Raum“ eröffnet hat. Wie sie in Zeiten von Social Media, Perfektion und Unsicherheit uraltes Wissen vermittelt und Frauen wieder in ihre Kraft bringt, erzählte uns die Zertifizierte Gesundheitspraktikerin so leidenschaftlich wie entspannt.

Manchmal reicht ein einziger Satz, um ein ganzes Leben zu beschreiben. „Es braucht Mut, um zu wachsen und zu werden, wer du tief in deinem Herzen bereits bist.“ Man könnte meinen, der amerikanische Schriftsteller E. E. Cummings hätte Carolin Pomränke persönlich gekannt, so gut passt dieses Zitat zur kurvenreichen Vita der ursprünglich gelernten Hutmacherin. Wie kommt man vom selten gewordenen Handwerk zur ebenso raren Profession einer Doula? „Man schaut auf seine Wurzeln und bildet sich kontinuierlich weiter“, sagt die dreifache Mutter mit klarem Blick, während ein Lächeln über ihr Gesicht zieht. Sie scheint ihre innere Mitte längst gefunden zu haben und sieht keinen Widerspruch zwischen der haptischen Tätigkeit als Modistin und ihrer jetzigen Spezialisierung auf Frauengesundheit. „Im Grunde ist die Arbeit mit meinen Händen nur feinstofflicher geworden – ich berühre jetzt Menschen statt Materialien zu formen.“ Aufgewachsen in einem Arzthaushalt, hatte sich die Modistenmeisterin schon vor Jahren ein zweites berufliches Standbein geschaffen, das wie ein guter Hut perfekt zu ihrem Wesen passt. Seit 2017 ist sie Zertifizierte Gesundheitspraktikerin und hat sich der Craniosacralen Körperarbeit im Präventionsbereich verschrieben. Diese aus der Osteopathie stammende Methode arbeitet mit sanften Handgriffen an Schädel, Wirbelsäule und Steißbein und soll unter anderem die Selbstheilungskräfte aktivieren.

Affirmationskarten sollen helfen, in der Geburtsvorbereitung oder auch im Kreißsaal positive Gedanken zu verankern.

„Eigentlich wollte ich schon mit Anfang 30 Hebamme werden“, erinnert sich Carolin Pomränke an einen in ihr schlummernden Berufswunsch, den sie als alleinerziehende Mutter damals nicht realisieren konnte. Im Rahmen ihrer Cranio-Ausbildung lernte sie eine Doula kennen, die sie sehr fasziniert und ihr den Anstoß gegeben habe, ihren eigenen Start ins Leben aufzuarbeiten. Denn dieser darf durchaus als dramatisch bezeichnet werden: „Ich kam per Kaiserschnitt zur Welt“, berichtet die gebürtige Krefelderin betont sachlich mitten in emotionalen Schilderungen dazu, wie wichtig eine Geburt in Geborgenheit und Würde und die Verbindung zwischen Mutter und Kind sei. „Bei der Geburt wog ich 800 Gramm. Ich wurde notgetauft, sollte sterben und verbrachte viele einsame Monate in einem Brutkasten.“ Es ist eine Schlüsselerfahrung, die erklärt, warum ihr die Themen Bonding und Kaiserschnitt immer noch so sehr am Herzen liegenund die Ausbildung zur Doula ein logischer Schritt in einer Reihe von Fortbildungen war.

Das Wort Doula hat griechische Wurzeln und bedeutet übersetzt so viel wie „Dienerin der Frau“. Die Tradition, dass geburtserfahrene Frauen werdenden Müttern während der Schwangerschaft und Geburt beistehen, gibt es schon seit tausenden von Jahren. Doulas ersetzen nicht die Hebamme, sondern übernehmen eine Rolle, die früher bei Hausgeburten weibliche Verwandte, Freundinnen oder Nachbarinnen ausübten. Die Kosten für ihre Dienste werden jedoch nicht von den Krankenkassen übernommen. Zudem ist Doula in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung, daher müssen sie keine gesetzlich geregelte Ausbildung durchlaufen, wie das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) auf dem Portal „familienplanung.de“ schreibt. Bevor sie sich selbstständig machen und tätig werden, besuchen angehende Doulas in der Regel Kurse bei spezialisierten Ausbildungsvereinen.

So absolvierte Carolin Pomränke eine reine Präsenzausbildung bei der Gefährtin Akademie in München und zeigt sich begeistert von dieser tiefgreifenden Erfahrung: „In fünf intensiven Modulen habe ich viel gelernt über Kundalini Yoga, Meditation, Ressourcenarbeit, pränatale Diagnostik und Kommunikationstechniken – das war die emotionalste Ausbildung meines Lebens, sie hat mich zutiefst berührt und das Herz geöffnet! Wenn Frauen sich unterstützen, statt gegeneinander zu arbeiten, entsteht ein unglaublich kraftvolles Potenzial.“ Ein dreiwöchiges Praktikum in einem Krankenhaus vermittelte ihr notwendige Einblicke in die Abläufe im Kreißsaal. Ihre drei eigenen Hausgeburten hatten sie bereits auf ganz andere Weise geprägt und, wie sie sagt, „geerdet“. In ihrem liebevoll eingerichteten „Gefährtinnen-Raum“ bietet sie empowernde Geburtsvorbereitungskurse, entspannende Massagen und zahlreiche Pakete rund um das Thema Geburtsreise an.

Die vielen positiven Auswirkungen einer Doula-Begleitung auf die Geburt kann sie aus dem Stegreif aufzählen: „Studien zeigen, dass das Risiko eines Kaiserschnitts um 26 Prozent und der Einsatz vonSaugglocken oder wehenfördernden Mitteln um 40 Prozent sinkt, wenn die Geburt kontinuierlich begleitet wird. Der Bedarf an einer Periduralanästhesie (PDA) sinkt, die Geburtsdauer verkürzt sich, und Mütter berichten wesentlich häufiger von einem positiven und kraftvollen Geburtserlebnis.“ Neugeborene wiesen nach fünf Minuten deutlich seltener geringe APGAR-Werte auf, Paare profitierten von einer gestärkten Bindung, das Risiko einer Depression im Wochenbett werde möglicherweise reduziert – die Liste der Vorteile wirkt überzeugend. „Dieses uralte Wissen will ich weitergeben und bei den Frauen auch wieder hervorholen, denn es schafft eine entscheidende Grundlage für eine angstfreie und selbstbestimmte Geburt. Mentale und körperliche Sicherheit können dazu befähigen, zu jedem Moment in der eigenen Kraft zu bleiben und sich mit seinen Ressourcen zu verbinden“, fasst Carolin Pomränke ihre Motivation zusammen. Sie setze emotionale Anker in einer Zeit von Neuorientierung und Wandel, arbeite bindungsorientiert und traumasensibel, damit Frauen sich sicher und geborgen fühlen. Harte Sätze wie „Da musst du jetzt durch“ werde man nicht von ihr hören.

Auch im Wochenbett können Mütter auf weitere Hilfe zählen. „Die Mütterpflege ist für mich eine echte Herzensangelegenheit“, sagt sie und erzählt von ihrer nächsten Ausbildung, die sie bald abschließen wird. „Wenn Frauen sich rundum gehalten, seelisch aufgefangen und im Alltag entlastet fühlen, kommen sie innerlich zur Ruhe und schöpfen wieder Kraft. Genau diese Entspannung und Geborgenheit übertragen sich auf Mutter und Baby. So kann ungestörtes Bonding stattfinden, und beide werden die Kuschelzeit genießen“, ist die jetzt schon freiberuflich arbeitende Mütterpflegerin überzeugt. Gerne bereitet sie auf Wunsch auch wärmende Gerichte aus der ayurvedischen Küche zu. Anders als die Begleitung durch eine Doula kann Mütterpflege unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse übernommen werden (§ 24h oder § 38 SGB V). Sie kann jedoch auch privat gebucht werden.

Dass Carolin Pomränke „endlich angekommen“ ist, wie sie selbst betont, mag man angesichts großer Träume wie dem einer eigenen Doula-Schule nicht ganz glauben. Hüte macht sie jetzt nur noch zur Entspannung. Wenn sie nicht gerade wächst und mutig ist.

Fotos: Felix Burandt
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